komplementärARCHITEKTUR-RAUMmanagement

POLLY TIPS

Erstens

Wie gern möchte ich sagen: "Wir alle wohnen". Es ist traurig, dass das nicht wirklich so ist, viel zu viele Menschen sind unfreiwillig ohne Ort. Ich bin überzeugt, dass diese auf ihrem Weg und ihrer Suche nach Möglichkeiten, zu ihrem "zu Hause" zu kommen, unterstützt werden sollten. Bis dahin müssen ihnen die Lebensumstände so erträglich wie möglich gemacht werden ...

Es stellt sich mir da durchaus die Frage, wo "Wohnen" beginnt.

Der österreichische Architekt Hans Hollein, der der Professor meines Studiums war, sagte 1958 ("What is Architecture") unter anderem: "... Eine Höhle ist nicht Architektur, noch ist es ein Baum. Jedoch ein Stahlprofil, in die Mitte der Wüste gerammt, ist es.
Architektur ist das Schaffen von Raum von Menschen für Menschen."


Ist nicht die Ecke, die "unter der Brücke" gegen die anderen Ecken abgegrenzt wird, ein Raum, ein "Heim"? Muss nicht auch sie - ja, gerade sie - Qualitäten des "zu Hause" haben?

Welche sind das? Was braucht ein "Heim", ein "zu Hause", ein "Ort"?
Sind wir Nomaden? Brauchen wir diesen Ort? Stellt er für uns das verankerte Standbein dar, das uns ermöglicht, ein virtuoses Spielbein in großen Bewegungen in den Raum zu werfen?
Und: sind wir da alle gleich? Ist der Wunsch nach "Heim" ein archetypischer?

Ich persönlich glaube von mir, dass ich eine Stadtpflanze bin, ich bin keine Gärtnerin - nichts desto weniger liebe ich die wachsende und die sterbende Natur und ihre Zyklen, aber, ich bin nicht "agricola". Ich bin nicht Landbebauerin, die das am liebsten auf dem eigenen Boden tut. Aber, ich wohne gern. Ich mag meine Wohnung, nicht ebenerdig, ohne eigenen Garten; aber mein Ort, der meinen Inhalten Rahmen und Schutz bietet, ist mir wichtig.

Worum geht es uns?

Bevor wir uns mit gestalterischen Fragen beschäftigen, sollten wir ein paar Minuten reflektieren, worum es uns beim Wohnen geht - über den Schutz vor der Unbill des Wetters, vor wilden Tieren und der konkurrierenden Nachbarsippe hinaus.

Die alljährliche Frühjahrsmesse "Bauen und Energie" steht vor der Tür; viele Medien statten sich zunehmend mit Themen der Farbgestaltung, der Einrichtung, ebenso wie mit Energie- und Funktionsthemen aus.

Gerade, wenn der Frühling "vor der Tür" steht, die Zeit, in der wir wieder nach außen gehen, beginnt das Innen ein frisches Gewicht zu bekommen.
Ist schon so, auch ich gehe lieber hinaus, wenn ich das Gefühl habe, dass drinnen das Wichtigste in Ordnung ist...




Zweitens

Die kreative, lust- und liebevolle Beschäftigung mit dem Wohnen und Einrichten scheint in Österreich keine große Tradition zu haben; anders, als in skandinavischen Ländern (wo dem Innenraum offenbar eine andere Wertschätzung zukommt - möglicherweise, weil eine um einiges längere Zeit im Jahr dorthin konzentriert ist...), erfüll(t)en "Wohnräume" (und alles, was dran hängen muss) hauptsächlich Funktionen, bieten/boten das erforderliche Umfeld und Equipment für Schutz, Ver- und Entsorgung, Aufbewahrung, Wirtschaftlichkeit, ...;

In den letzten Jahren, aber, hat die Branche der (Einrichtungs-)"Berater/innen" (wie die vieler "Berater/innen") einen bemerkenswerten Aufschwung genommen, wer sich nicht beraten lassen möchte, greift vielfach selber zu Ratgebern (Bücher, Zeitschriften, etc) und Kursen, die helfen sollen, das eigene Wohn- und Lebensumfeld "gestalten" zu können: "man" möchte "lernen", wie "man" ein Einrichtungs-/Gestaltungsthema selber bearbeiten kann:

Häufige Frage: Welche Farbe ist für (m)ein Esszimmer geeignet? (Anm.: Orange wirkt "angeblich" appetitfördernd) ;-)
Auch oft gehört: Darf ich alte und neue Möbel mischen?
Und einige(s) mehr.

Die Fragen sind richtig und berechtigt!

Ich glaube aber, sie setzen an problematischen Punkten an:
Natürlich "darf man" alte und neue Möbel mischen - grundsätzlich.
Natürlich isst es sich in Sonnengelb eher fröhlich als in Aschgrau - no na.
Was hier nicht bearbeitet wird, ist die viel grundlegendere, aus meiner Sicht, viel wichtigere Frage: was soll die Gestaltung/der gestaltete Raum für mich tun?

Die einzig legitimen Antworten auf Fragen wie die oben genannten, "Im Prinzip ...", können dem Frager/der Fragerin keine echte Hilfe sein!
Der/die Gefragte müsste mit einer Gegenfrage antworten: "Was soll's denn für Sie/Dich machen? Welcher Rahmen, welcher Hintergrund für Ihr/Dein Leben soll geschaffen werden? Wie wollt Ihr Euch fühlen, in der zu gestaltenden Situation - "heimelig", "glamourös", "cool", "souverän", "wie im Urlaub", "als erfolgreiche Geschäftsleute", ...?

Ich bin überzeugt, erst, wenn diese Fragen bearbeitet werden können, und bearbeitet worden sind, können Überlegungen zu Umsetzung, zur REALISIERUNG (=Ver-wirklich-ung) angestellt, Entscheidungen getroffen und Schritte unternommen werden!

Was heißt das nun?
Na, ja, ich befürchte, es sollte zuerst intensiv nachgedacht, formuliert, reflektiert, diskutiert, fantasiert, gespielt werden, vielleicht auch gezeichnet - ohne jeden Gedanken an wirtschaftliche und technische Umsetzungshindernisse!

"Was wünscht Ihr Euch?", muss die Frage sein. Das ist eine gute Nachricht! Denn, am Anfang geht es um etwas, das jeder Mensch kann: Träumen! Zugegeben, Kinder können's oft besser, also, lassen wir uns mitnehmen!
Spielen wir einmal durch, wie wir uns in einer All-Over-Werkstatt oder einem pink Prinzessinnen-Schloss, oder dem völlig unauffindbaren und unleistbaren Loft in Manhattan fühlen würden! Sprechen wir aus, was wir uns seit langer Zeit verkneifen ("das würd' ich schon so lang so gern durchspielen, aber, das ist so peinlich...")

Und dann schauen wir uns an, was diese Stimmungen ausmacht: ob es das ölverschmierte, rohe, "typisch männliche" (??!!??), der Asphaltboden ist, oder, ob es der (quadratische?) Steinplattenboden und die hohen Fenster, oder die Ziegelwand und die Gusseisenstützen im unverstellten Raum (oder vielleicht "Ghost - Nachricht von Sam"?) sind, die diese Wunsch-Assoziationen auslösen und verkörpern!

Dann können wir auswählen! Vielleicht wird es im realisierten Wohnraum keines dieser Elemente geben, vielleicht finden wir in der Übersetzung "Synonyme", die besser zu verwirklichen sind, aber, wie auch immer der gestaltete Raum dann aussieht, wir werden wissen - und spüren - dass wir dem Wesen unserer Wünsche näher gekommen sind und viel Neues über uns und unsere Beziehungen gelernt haben!